
»REICH KANN JEDER«
Anne Nürnberger und Jan Rentzow im Gespräch
Einer dieser Abende in Berlin. Eine Holzbank. Ein paar Drinks. Lange Gespräche. Plötzlich steht eine Frage im Raum: Wie wird man reich in Deutschland? Eine Frage, die Jan Rentzow und Anne Nürnberger nicht mehr loslässt. Auch am nächsten Morgen nicht. Also probieren sie es kurzerhand selbst aus. Reisen an den Starnberger See. Spontan. Reichen auf die Finger gucken. Kurz danach kündigt Rentzow. Um sich ganz dem Projekt widmen zu können. Keine halben Sachen! Die beiden entwickeln aberwitzige Geschäftsideen, kooperieren mit Profispielern, bewerben sich für Gameshows. Und sie gewinnen Sponsoren: Eine Fluggesellschaft, einen Autovermieter, eine Nobelhotelkette. Lassen sich coachen, von Moritz Freiherr Knigge, Alexander von Schönburg, PR-Legende Norbert Vojta. Von einer Stilberaterin neu einkleiden. Mischen sich inkognito unter die Reichen auf Sylt, in Baden-Baden, an der Côte d’Azur. Und der Plan scheint aufzugehen. BA-Chef Weise lässt sie in seiner Limousine durch Nürnberg kutschieren. Gunter Sachs empfängt sie in seinem Haus. Und die Leute vom Film haben auch schon wieder angerufen.
Alles nachzulesen in ›Reich kann jeder‹, einer Art Tour-Tagebuch zum »Millionen-Abenteuer« – kurzweilig, oft witzig, überraschend und von frappierender Offenherzigkeit. Ich-Erzähler Rentzow findet darin einen speziellen Ton zwischen Augenzwinkern, nachgerade kindlich-reiner Emotionalität und dem sprachmächtig literarisierten Sehen alltäglich-menschlicher Tragikomik. Und wie zufällig entsteht nebenbei ein Sittenbild der deutschen Oberschicht, das Schlaglichter auf den Zustand der Gesellschaft als solche wirft. Im VIP-Bereich des ›Café Einstein‹ traf friedrich die Autoren auf ein Glas Champagner.
Frau Nürnberger, Herr Rentzow, Ihr Buch geht bereits kurz nach Erscheinen in die 4. Auflage. Gratulation! Darf man Sie bald zu den »Gutsituierten« rechnen – wie der Bürgermeister von Tutzing am Starnberger See Ihnen zufolge die Reichen zu nennen pflegt?Anne Nürnberger: Ja, ich denke zu den Gutsituierten darf man uns schon zählen. Sicher werden wir von dem, was wir erwirtschaftet haben, nicht bis ans Ende unserer Tage arbeitsfrei leben können. Aber uns geht es gut. Wir waren viel im Urlaub, sind eigentlich immer noch in der Pause. Das gönnen wir uns jetzt einfach mal nach diesem ganzen Ausnahmezustand.
Jan Rentzow: Und es tut wahnsinnig gut, nur noch dann zu arbeiten, wenn man möchte. Das ist ein Zustand, in dem ich seit einem Jahr lebe.
Sie haben eine Hotelkette überzeugt, Ihnen 100 kostenlose Übernachtungen zu gewähren. In ganz Europa. In den besten Häusern. Sie verfügten über Freiflüge und Luxus-Karossen, ebenfalls gratis. Das klingt wie ein wahr gewordener Traum. Wie lange waren Sie unterwegs?R: Es gab eine Kernphase von acht Monaten, in der jeder Tag wirklich wie im Märchenland war. Da waren wir ununterbrochen unterwegs, 24 Stunden am Tag. Danach wurde es für ein halbes Jahr etwas ruhiger. Alles wurde verspielter und verwickelter. Zum Teil haben wir uns auf den Erfolgen ausgeruht, waren nur noch 18 Stunden am Tag unterwegs. (lacht) Alles in allem waren es knapp anderthalb Jahre ohne Schlaf und Privatleben.
Wie hat Ihre Familie da reagiert, Frau Nürnberger? Sie haben einen Ehemann und zwei Kinder.N: Also, Kinder sind ja ganz toll. Der Kleine war zu jung, um etwas mitzukriegen. Aber der Große fand es wahnsinnig geil. Der hat an uns geglaubt. Der hat ja auch mitgemacht. Und fand's ganz toll. Wer hat denn schon eine Mutter, die so etwas Verrücktes macht? Er war wahnsinnig stolz.
Relativ am Anfang schreiben Sie: »Wenn man wirklich reich werden will, muss man alles geben. Dann darf man keine Grenzen kennen.« Und mit einiger Chuzpe gehen Sie auch zu Werke. Dabei wurde es schonmal brenzlig. Etwa, als sie mit einem Briefumschlag voller Geld zum Arbeitsamt gingen.N: Der Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, hatte uns ja gesagt, dass es richtig gute Jobs gibt bei der Arbeitsagentur. Das fanden wir zunächst mal schräg. Denn, was man so hört, kannst du froh sein, überhaupt was zu bekommen. Also wollten wir mal testen, was passiert, wenn man dem Arbeitsvermittler neben Zeugnissen und Lebenslauf 2000 Euro auf den Tisch packt. Ob der dann die Superjobs rausrückt.
R: Das Überraschende war ja, dass diese Dinge alle aufgegangen sind. Kaum ziehst du dich ein bisschen anders an, hast Ängste abgelegt und fühlst dich rhetorisch gewandt, zeigt sich, wie viel Erfolg du damit haben kannst. Das war im Alltag jeden Tag aufs Neue offensichtlich. Dann fragt man sich: Wie weit kann ich gehen? So wurde das Ganze ein Spiel. Wir fingen an, uns Mutproben auszudenken, um unsere Grenzen auszuloten.
Wie die Aktion »Streicheln und Tragen« am Traumstrand Pampelonne bei Saint-Tropez. Inspiriert von Kindern im Prenzlauer Berg, die das mit ihren Meerschweinchen gemacht haben, boten sie Frau Nürnberger feil. Allerdings zu deutlich höheren Preisen – Tragen: 50 Euro, Streicheln: 100 Euro.R: In Saint-Tropez, an der ganzen Côte d'Azur war offensichtlich, dass die Leute wahnsinnig große Langeweile haben. Es sind immer dieselben Leute dort. Die sind alle gleich angezogen. Die haben alle Spaß, alle viel Geld, müssen die langen Tage im Sonnenschein irgendwie rumkriegen. Die sehnen sich nach Unterhaltung. Also haben wir beschlossen: Dann sind wir jetzt die Unterhaltung.
N: Die Aktion hatte so einen sexy Kick, ohne dass aber wirklich etwas passiert. Eigentlich wirklich Geld für nichts. Aber wenn du dann plötzlich da stehst und das machen musst, kostet das viel mehr Überwindung als du geglaubt hast. Entsprechend ist man unheimlich stolz, wenn es klappt. Das stachelt an, noch mehr zu probieren.
Im Gegensatz zu Manns Felix Krull oder Hochstaplern in der realen Welt wie dem berühmt gewordenen Millionenbetrüger Jürgen Harksen gibt es für Sie allerdings durchaus Grenzen. Gelegentliche Flunkereien gehen in Ordnung, die Grenze der Legalität überschreiten Sie aber nicht.N: Wir waren ja auch immer wir. Wichtig war: Codes beherrschen, angemessene Kleidung tragen. Aber wir waren immer Jan und Anne. Als andere Person aufzutreten funktioniert nicht, du musst authentisch bleiben. Dann wirst du auch gemocht.
R: Wir haben die Welt ja auch nicht verändert, sondern nur die Schwächen der Menschen, die uns begegnet sind, genutzt.
Günter Wallraff schrieb im Vorwort zu ›Ganz unten‹ einst: »... man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.« Sie waren für Ihr Buch gleichsam »ganz oben«. Doch wähnt man Sie beim Lesen Ihres Erfahrungsberichts Till Eulenspiegel oder dem braven Soldaten Schwejk näher als Wallraff – eher Schelm als Enthüller.R: Genau. Am Ende ist unser Buch ein Schelmenroman. Allerdings ist nichts darin erfunden. Einen solchen Schelm tragen wir alle in uns, jeder hätte unser Abenteuer erleben können. Man befindet sich nur in so vielen Zwängen, dass man ihn nicht herauslässt.
N: Wir haben nicht herausgefunden, welche Leichen der eine oder andere im Keller hat. Das sicher nicht. Aber wir zeigen, dass jeder teilhaben kann, wenn er will.
Ihrer Aufstiegsstrategie lag die Annahme zugrunde, es gäbe eine Verbindung von Geld mit Stil – eine Art Verhaltenskodex der Habenden, ein geheimes Zeichensystem und einen Dresscode. Dinge, die man lernen könne – und müsse. Denken Sie das auch heute noch?N: Na, man muss nicht. Aber wenn man da rein will, muss man schon.
Wie passen da Menschen wie die adoptierten Prinzen von Anhalt oder Familie Geiss ins Bild – die ja ohne Frage vermögend sind? Die Gleichung »Geld ist gleich Stil« geht doch nicht in jedem Fall auf. In München gab es einmal einen Multimillionär, dem die Türsteher den Zutritt zu seinem eigenen Club verwehrten, weil sie ihn für einen Obdachlosen hielten.
N: Ja, die Frage ist: Will man das? Das ist ja die unterste Klasse der Neureichen. Das, was wir gesucht haben, war schon ein Reichtum mit Stil.
R: Wir sind ja gleich zu Anfang an den Starnberger See gefahren. Das mag Zufall gewesen sein. Wir wären auch fast nach Radebeul oder Blankenese gefahren. Aber der Zufall Starnberg hat den Standard definiert, welche Art von Reichtum wir anstreben. Wenn wir zuerst nach Sylt gefahren wären, wären wir vielleicht ganz andere Menschen geworden.
Stil ist keine Frage der Kaufkraft. Mal abgesehen von Bildung und Manieren – besteht nicht bereits modisch ein Unterschied zwischen einem Bespoke-Outfit aus der Savile Row und einer roten ›Louis Vuitton‹-Hose auf Sylt? Zwischen ›Van Laack‹ und ›Von Dutch‹?N: Generell gilt – und das kann wirklich jeder: schlicht. Stilvoll ist immer schlicht. Es kommt nicht auf Marken an, sondern auf Qualität. Labels zur Schau zu stellen ist uncool, auch bei den Reichen.
R: Häufig kommt es aber gar nicht auf das Outfit an. Es reicht schon, dass man sich in seiner eigenen Kleidung wohlfühlt. So kann ich auch in Jeans und Schmuddel-T-Shirt rausgehen. Das Selbstgefühl ist entscheidend. Mit dem richtigen Gefühl kann man alles erreichen.
Die Niederschrift Ihrer Erlebnisse ist höchst unterhaltsam. Das liegt nicht zuletzt an dem speziellen Ton, den Sie anschlagen. Am Anfang kann man viel Lachen, im Laufe der Zeit wird aber deutlich, dass so ein Selbstversuch auch an die Substanz geht. Immer öfter fragen Sie sich: Wer bin ich eigentlich? Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?
N: Gott sei Dank, ja. Das Schöne ist: Man kommt am Ende wieder bei sich an. Wir haben uns mehr verändert, als wir das ursprünglich gedacht hätten. Um die neue Rolle annehmen zu können, begibt man sich in so ein Art Pubertät: Man ist nicht Fisch, nicht Fleisch. Man gehört nicht zu den Reichen. Man gehört nicht mehr zum alten Kreis. Und wenn man bei alten Freunden – für die wir kaum Zeit hatten – mal aufschlägt, denken die: Was ist mit denen denn los?
An einer Stelle schreiben Sie sogar, Freunde, denen Sie offenbarten, dass Sie ernsthaft reich werden wollen, hätten Sie angeguckt, als würden Sie nun zu einem zweiten Darth Vader mutieren. Als würden Sie auf die dunkle Seite der Macht wechseln. In der Rückschau: Wie haben Sie sich im Zuge Ihres Millionen-Abenteuers verändert? Hatten Ihre Freunde Recht?R: Natürlich nicht! (lacht)
N: Wir hatten schon Angst davor. Gerade in Deutschland gilt Geldverdienen in großem Maße als etwas Böses. Wenn man nicht zu denen gehört, die viel verdienen, sieht man das als gierig an. Und gierig ist eklig. Also sind das eklige Leute. Also werden wir jetzt eklig. Da gab es schon Befürchtungen. Einmal habe ich in den Spiegel geguckt und mich gefragt: Hab ich davon jetzt härtere Züge bekommen? Das war zum Glück nicht so. Was ich aber gelernt habe: Heute kann ich klarer Ja und Nein sagen. Ich begründe meine Haltung und fürchte mich nicht vor Konsequenzen.
R: Als wir anfingen, dachten wir ja auch, wir würden vielleicht unter schlimmen Umständen mutieren zu bösen Menschen, wenn wir reich werden. Jetzt lief das ganze Projekt ja relativ erfolgreich und plötzlich treffe ich auf Leute, die mich für ungemein erfolgreich und reich halten – und für einen Bösewicht. Die glauben, ich müsse nun arrogant und abgehoben sein, und sind immens überrascht, wenn sie feststellen, dass ich nicht so bin, sondern im Wesentlichen der Alte geblieben bin. Wenn ich Leute lange nicht gesehen habe, dauert das manchmal eine halbe Stunde, bis sie ihre Vorurteile abgelegt haben.
Herr Rentzow, Sie waren während Ihrer Expedition ins Gierreich sozusagen ohne Arbeit, bewegten sich aber ständig unter Superreichen. Eine absurde, eine schizophrene Situation.R: Das stimmt. Das war schräg. Als ich zu dem Mann im Jobcenter ging, um ihn zu bestechen, stand ich draußen in der Schlange. Zusammen mit all den anderen, die da vor der Tür warteten, in dieses Amt wollten, um einen Job zu kriegen, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Als ich dann auflief mit meinem ›Armani‹-Pullover, mit teuren Schuhen, perfekt gescheitelt, die Sonnenbrille ins Haar gesteckt, um möglichst lässig rüberzukommen, fühlte ich mehr als jemals zuvor die Klassenunterschiede, die wir in Deutschland haben. Also, ich fühlte mich plötzlich auf der anderen Seite – und ich hab noch nie in meinem Leben so stark das Gefühl gehabt, dass irgendwas schiefläuft, wie in diesem Moment. Als ich dann hochging zu dem Mann in der Arbeitsagentur hinter der blauen Tür, der auf mein Geld nicht wartete, musste ich feststellen, dass ich – obwohl ich perfekt gestylt, ausgebildet und vorbereitet war – zu keinem Zeitpunkt die Chance hatte, in diesem Gespräch zu zeigen, wie gut ich eigentlich bin. Das hat das Gefühl, das ich vor der Tür hatte, noch einmal verstärkt. Wenn ich nicht einmal so da durchkomme, wie soll das bei den vielen anderen Menschen etwas werden?
›The Yes Men‹ verteilten 2008 über 1,2 Millionen Exemplare einer gefälschten Ausgabe der ›New York Times‹. Frei nach dem Motto »Eine bessere Welt ist möglich« druckte die New Yorker Aktivistengruppe darin ausschließlich fiktive Meldungen wie: Irakkrieg beendet, Regierung entschuldigt sich für Lügen, Bush angeklagt. Eine Gegenvision. Sie waren mittendrin in der Welt des Geldes, haben am oberen Ende nicht gefunden, was Sie vom unteren aus gesehen dort vermuteten. Wie konkret ist Ihre Vorstellung einer besseren Welt? Haben Sie eine Vision?N: Wir rufen dazu auf, Mut zu haben. 2009 war Krise, jetzt befinden wir uns wieder in einer. Die Menschen geben zu leicht auf, lassen sich unterbuttern. Ich glaube fest daran, dass jeder etwas Besonderes kann. So kann vielleicht nicht jeder Millionär werden, aber für sich ein zufriedeneres, komfortableres Leben führen. Gerade in der Mittelschicht gibt es so viel Unzufriedenheit, so viele Ängste. Ich wünsche mir, die Leute würden ihr Schicksal selbst in Hand nehmen. Wie Eliteforscher Michael Hartmann schreibt, ist das in Deutschland strukturell schwerer als anderswo. Nur wenn alle weiter daran arbeiten, wird sich wirklich etwas verändern. Mit unserem Buch zeigen wir, wie weit man kommen kann.
Mit Mut allein ist es aber noch nicht getan.N: Ein weiteres Stichwort wäre Solidarität. Helft einander! Insbesondere die ständigen Abstiegsängste der Mittelschicht führen zu viel Neid und Missgunst. In der Reichenwelt – das kann man sich da einmal abgucken – wird geholfen. Es wird auch geholfen, wenn es mir jetzt in diesem Augenblick nichts nützt.
R: Die Oberschicht denkt in vielen Dingen ohnehin viel langfristiger. Während wir immer auf den kurzfristigen Vorteil bedacht sind, investiert man dort lieber in Fortbestand und Zukunft.
N: Da herrscht ein grundsätzlicher Qualitätsgedanke vor. Qualität nicht nur bezogen auf Produkte, auf Luxus. Es geht auch um Qualität der Gedanken und der Taten.
»Gier ist gut«, sagte Gordon Gekko 1987 in Oliver Stones ›Wall Street‹. Obwohl der fiktive Finanzhai eigentlich als Bösewicht gedacht war, wurde er zum Idol. Die Haltung, die diesem Filmzitat zugrunde liegt, prägt die Finanz-, eigentlich muss man sagen: unsere komplette Alltagswelt bis in die heutige Krise. Sie haben zum Abschluss unseres Gespräches die Chance mit einem eigenen One-Liner dagegenzuhalten, der die nächste Generation prägen möge.N: Wer gibt, der kriegt.
R: Mut ist geil!
[Interview: Marcel Kirf]
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Im Heft steht, dass sie dieses Buch veröosen, finde ich aber auf der Homepage nicht!?!?