Dath»FÜNF MINUTEN, BEVOR ES PASSIERT, GLAUBT OFT KEINER, DASS ES MÖGLICH IST.«
Dietmar Dath im Gespräch

Frankfurt am Main. Dumpfer Nebel verhüllt die Chefetagen der Bankentürme, als sei er Sinnbild des drohenden Niedergangs der Weltwirtschaft. Davor steht der Journalist, Romancier und Neomarxist Dietmar Dath und posiert für den Fotografen. Dath ist ein gefragter Interviewpartner in diesen Tagen, in denen auf einmal der Kapitalismus als solcher zur Disposition steht.

Herr Dath, was für ein Gefühl befällt Sie, wenn Sie heute lesen, was Sie in Ihrem Essay „Maschinenwinter“ bereits Ende 2007 niederschrieben?
Dietmar Dath: Sie meinen, ob ich mir meiner prophetischen Kräfte bewusst bin, was den zwei Jahre später folgenden Kollaps der Hypo Real Estate angeht? (lacht) Das wäre wohl zuviel des Eigenlobes. Die Hypothekenkrise war zumindest schon am Brodeln als ich anfing.
Es war damals aber kaum absehbar, was mit der Weltwirtschaft im Folgenden so alles geschehen sollte.
Okay, aber dass da irgendwann mal was implodieren würde, lag auf der Hand. Da ist dieser von Nadeln umzingelte Luftballon, und einzelne davon kommen ihm ab und an gefährlich nahe. Diese eine besagte Nadel war schon ganz schön spitz und sah auch ein bisschen länger aus als andere Nadeln vor ihr – nach einer Wertvernichtung gigantischen Ausmaßes. Ob daraus letztlich Millionen oder Milliarden Miese resultieren, spielt am Ende auch keine Rolle mehr. Mir war klar: Hier reißt etwas ein. Dass das Ganze dann derart schön wird – gut, das habe auch ich nicht erwartet.
Schön?
Schön im Sinne von eindrucksvoll oder reizvoll, ja. Die Leute fahren nun einmal langsamer, wenn am Straßenrand ein Auto brennt. Und wenn du in der Innenstadt ein Haus sprengst, bleiben sie auch stehen. Es reicht, dass da endlich mal was passiert.
Spüren Sie als Marx-Anhänger so etwas wie Genugtuung, wenn Sie aus dem Fenster schauen oder die Tagesschau sehen?
Quatsch. Es gibt ja nichts Blöderes als jemanden, der negative Prognosen macht und sich dann freut, wenn sie eintreten. Allein schon unter dem Gesichtspunkt des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik und der Tatsache, dass ja alles verreckt, ist die Vorhersage „es wird schlimm“ immer richtig. Jemanden, der immer über den Marktplatz rennt und verkündet: „Es wird böse enden, es wird böse enden!“ – den möchte ich nicht an dem Tag erleben, an dem ein Feuer die Stadthalle dem Erdboden gleichmacht. (lacht) Wenn der dann wirklich um die Asche herumtanzt, verdient er was aufs Maul.
Was also wäre Ihre Losung?
Bangemachen gilt nicht. Zentral ist nicht der Gedanke: „Ist doch alles scheiße.“ Es geht vielmehr darum zu zeigen, dass eine Änderung der Zustände sowohl denkens- als auch wünschenswert ist. Im Gestus des Mahnens und Warnens kann man sich nämlich ganz kommod einrichten. Wenn man nur auf das hinaus will, kann man die schweren Marx-Bände getrost im Keller lassen.
Aber es ist ja schon auffällig, dass neben Ihnen die unterschiedlichsten Protagonisten exakt diese Bände gerade wieder ins Wohnzimmer schleppen. Der Kommunismus ist regelrecht salonfähig geworden, Randfiguren wie Sarah Wagenknecht werden kreuz und quer durchs Feuilleton gereicht und mutieren zu politischen Hoffnungsträgern...
...worauf man sich allerdings nichts einbilden sollte. Wenn ich krank werde, fange ich eben irgendwann an zu beten. Das ist ja aber nichts anderes als Pantomime: das Nachspielen von etwas, das man in seiner Not auf einmal für irgendwie überlegen hält. Da wird sich etwas anverwandelt; so wie Kinder Kaufmannsladen spielen, weil sie an der Welt der Erwachsenen nicht teilnehmen dürfen. Hier wird von entmündigten Menschen Kritik gespielt, indem man stumpf die Geräusche nachahmt, die eine Revolution machen würde – in der Hoffnung, dass mit diesen Geräuschen der Albtraum aber auch ganz schnell wieder vorbei geht. Und danach wurschteln dann wieder alle so weiter wie bisher. Wer auf so etwas eine Theorie oder eine Kirche aufbauen will, der ist ganz schön angearscht.
Sehen Sie die katastrophische Entwicklung der Weltwirtschaft eher als Chance, als nötiges Übel – oder ist sie ein erstes Anzeichen des gesellschaftlichen Unterganges, wie es vor einiger Zeit der Historiker Eric Hobsbawm im Stern darstellte?
Wenn wir die gesamte Geschichte als ein Aufeinanderprallen verschiedener Interessen sehen und eben nicht als Abfolge irgendwelcher Naturereignisse, und wenn man weiterhin sagt, dass sich Ereignisse wie die momentane Wirtschaftskrise aus dem Ballett dieser beiden Größen ergibt, dann haben wir drei mögliche Ausgänge. Der erste wäre, das sich alles irgendwie zum Guten wendet: Alle haben auf magische Weise wieder eine Arbeit, eine Krankenversicherung, das System stabilisiert sich, und alle sind froh. Die zweite Möglichkeit: Es wird noch mehr dereguliert, die Verursacher der Misere gehen noch skrupelloser und wilder zu Werke, die Kluft wird noch größer. Und dann existiert als drittes Szenario noch das, was im „Manifest der Kommunistischen Partei“ von Marx und Engels an einer Stelle sehr plausibel dargestellt ist: der so genannte gemeinsame Untergang der kämpfenden Klassen. Das Reproduzieren einer Gesellschaftsform wird derart aufgefressen von all den Kriegen und Krisen, dass irgendwann alles zusammenbricht und etwas komplett anderes an dessen Stelle tritt.
Welcher der drei skizzierten Krisen-Ausgänge ist am wahrscheinlichsten?
Dass sich die Leute, denen kein Kapital gehört, derart einschüchtern lassen, dass sie sich lieber noch mal am Riemen reißen und nicht aufmucken. Das wird einem ja permanent eingebläut: Nur keine Aufregung, sonst wird bloß alles noch schlimmer! Also kaufen sie sich lieber ein neues Auto. Das heißt: Die erste Variante fällt schon mal weg. Bleiben „alles geht am Arsch“ und „das Kapital festigt seine Stellung“. Die erste davon ist zwar durchaus vorstellbar, aber als Arbeitshypothese schrecklich unergiebig, frei nach Peter Hacks: „Wenn ich vom Weltuntergang ausgehe, kann ich gar nichts mehr machen.“ Ich votiere also dafür, dass diese Runde zunächst abermals der Feind gewinnt, wir aber etwas lernen können daraus. Wenn dieser Sieg des Kapitals zumindest dafür sorgt, dass ein paar Illusionen kaputt gehen, dann hätte er wenigstens etwas gebracht.
Mit verbalen Attacken ist es vor diesem Hintergrund wohl kaum getan, oder?
Natürlich nicht. Meiner Ansicht nach befinden wir uns aber gerade an einem historischen Wendepunkt: Die radikale Linke hat derart brutal abgekackt in den Neunziger Jahren, dass sie im Höchstfall noch als interessanter Wortbeitrag wahrgenommen wurde; und ich rede jetzt nicht von Parteien, sondern von Leuten, die durchaus auch mal mit der Sprengung eines Gebäudes drohen, wenn es Not tut. Für mich ist „links“ die Fortführung jener Position, die zu Zeiten der französischen Revolution dafür war, dass der ganze Schwachsinn von Adel bis Klerus bitteschön verschwindet. Wenn die heutige SPD links sein soll, dann ist es doch einfach mal vorbei. Das ist doch alles bloß Gesinnungsscheiße!
Inwiefern?
Im Grunde ist es doch heute so: Man sucht sich aus dem gegebenen Menü irgendwas raus, bei dem man einigermaßen das Gefühl hat, dass Rhetorik und Flair passen – und dann will man Punkte machen. Die Leute labern daher, als gäbe es Preise in mündlichem Kommunismus, respektive Konservatismus zu verteilen. Und, natürlich: Sie trennen brav den Müll und waschen als gute Ökos ihre Joghurtbecher aus.
Wogegen ja nicht wirklich viel einzuwenden ist.
Stimmt, aber der Maßstab ist komplett aus dem Lot gerutscht. Man müsste mal ein Foto machen von jemandem, der seinen Joghurtbecher wäscht – und direkt daneben leitet Roche oder ein anderer Chemie-Multi per Kanalrohr tonnenweise irgendwelche unglaubliche Scheiße in den Fluss. Wacht mal auf und denkt nach, statt immer bloß mit lautem Getöse irgendwo ein Kreuzchen zu machen, weil es gerade hip ist!
Sie schreiben: „Das Interessanteste, was die Menschen herstellen können, ist die Menschheit.“ Gibt es die nicht, trotz allem?
Nein, das bezweifle ich eben. Wir Menschen haben über Jahrhunderte immer wieder ausformuliert, was uns als Menschen definiert: Freiheit zum Beispiel, oder das Bedürfnis nach einer Selbstverwirklichung, die über Fressen, Ficken, Schlafen hinausgeht. Die Frage, die ich stelle, lautet: Ist das überhaupt so? Sind die Leute heute frei? Natürlich ist der Mensch als zur Kultur fähiges Gattungswesen freier als ein Ochse oder eine Ameise – aber in der Realität ist die Mehrheit von uns weit vom Menschsein entfernt. Mir geht es um das Einreißen der Barrieren zwischen Idealvorstellung und realem Ist-Zustand. Das wäre die Herstellung der Menschheit für mich.
Also – sprechen wir es aus – um eine Revolution.
Ja. Dass mein Programm das klassisch-aufgeklärte, revolutionäre sozialistische Programm ist, wird im Osten eher erkannt als im Westen – und umso häufiger bekomme ich da auch einfach auf die Fresse in Rezensionen. Da gibt’s sofort aufs Maul, weil die Leute etwas wiedererkennen, worauf sie neuralgisch reagieren. Im Westen dominiert dagegen die Ratlosigkeit.
Wie aber soll der Umsturz ganz konkret erreicht werden? Heute wird angesichts von Massenentlassungen nicht Revolution gemacht – im Höchstfall wird der Fernsehkanal gewechselt oder Fairtrade-Kaffee gekauft.
Fünf Minuten, bevor es passiert, glaubt oft keiner, dass es möglich ist. Lesen Sie mal Artikel großer bürgerlicher Zeitungen wie Zeit und FAZ ein halbes Jahr vor dem Kollaps des Ostblocks – da hat man den Eindruck, den Mist wird es noch die nächsten 400 Jahre geben. So kann man sich irren.
Ob APO oder RAF – die bisherigen Versuche, die Massen für ein Aufbegehren zu gewinnen, haben sich aber doch allesamt als unfruchtbar erwiesen. Ist da nicht Skepsis berechtigt?
Das ist dieselbe Logik, die sagt: Der Schneider von Ulm ist ins Wasser gefallen, die Wright-Brüder haben’s nur 15 Meter weit geschafft – also vergessen wir den Gedanken an einen Düsenjet. Skepsis ist der völlig falsche Parameter. (überlegt) Mir geht es nicht um einen Steinzeitkommunismus, nicht um eine Rückbesinnung, sondern um den Blick nach vorn – potenziell unter Einbeziehung aller Errungenschaften, die uns zur Verfügung stehen.


[Interview: Patrick Großmann]

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