THE DRUMS
Sänger Jonathan Pierce und Gitarrist Jacob Graham im Gespräch
Im bunten Reigen englischsprachiger Indie-Bands sind ›The Drums‹ mit ihrer letzten Veröffentlichung – der EP ›Summertime‹ – schon allein dadurch auffällig geworden, dass sie mit ihrer Mischung aus dem Sound der frühen ›Beach Boys‹, einer Prise ›Joy Division‹ und einem Hauch ›Peter Bjorn and John‹ spontan 200 000 Individuen zum Kauf motivieren konnten. Ein durchaus beachtlicher Wert, berücksichtigt man die überproportionale Artenvielfalt des Genres und dessen Veröffentlichungsfreudigkeit. Zählt man den dunkelbezifferten Downloadfaktor der notorisch unterfinanzierten Zielgruppe dazu, könnte man fast davon ausgehen, dass … Lassen wir’s!
Fakt ist, dass ›The Drums‹ mit ihrem Neuling ›Portamento‹ hohe Erwartungen erfüllen müssen. Nach erstem Reinhören lässt sich sagen: Das gelingt ihnen spielend. Die Produktionsqualität ist besser, die Songs noch ausgefeilter, dafür aber ungleich abwechslungsreicher.
Beim Sneak Listening des Albums traf friedrich auch gleich die beiden Köpfe der Band – Sänger Jonathan Pierce und Gitarrist Jacob Graham.
friedrich: Ihr werdet ja stets mit einer Menge großer Bands verglichen. Wie schaut denn Euer musikalischer Background aus? Jacob: Wir haben unsere Liebe zur Musik so mit elf, zwölf Jahren entdeckt. Dabei haben wir uns früh für die Pioniere der elektronischen Musik begeistert. Neben ›Kraftwerk‹ und Jean Michel Jarre auch ›OMD‹ und Wendy Carlos. Damals konnte man die Instrumente für solchen Sound – also alte Synthesizer, Moogs undsoweiter – an jeder Ecke kaufen. Niemand wollte die Dinger damals haben. Als wir mit ›The Drums‹ anfingen, haben wir das erste Mal eine Gitarre in die Hand genommen. Das war spannend, weil nach so langer Zeit umgeben von elektronischen Instrumenten eine Gitarre total exotisch rüberkam. Wenn man sich so lange mit etwas beschäftigt, vergisst man, was eigentlich einmal Besonderes daran war. Dennoch haben wir das auf unserer ersten EP mit ein paar Synthesizer-Tracks verarbeitet.
Kennt Ihr eigentlich ein paar deutsche Bands außer ›Kraftwerk‹, die Du ja schon erwähnt hast? ›Tangerine Dream‹ kommt aus Deutschland und hat tolle Sachen gemacht. Auch wenn es wahrscheinlich nichts besonders ist, aber als Jugendlicher habe ich wahnsinnig gerne das Album ›99 Luftballons‹ von Nena gehört, welches ja auch in den USA sehr populär war – garnicht wegen des Hits, sondern wegen der anderen Songs, die meistens unterschätzt und vergessen werden. Ein perfektes Album, würde ich sagen. Heute wird viel Zeugs aus Deutschland ausgegraben, das in irgendwelchen Garagen zusammengebastelt wurde und nach ›Kraftwerk‹ klingen sollte, aber bis dato nie veröffentlicht wurde. So was höre ich gerade echt gerne.
Ihr wohnt jetzt in New York, genauer gesagt in Brooklyn. Ist das nicht inzwischen ganz schön von Touristen überlaufen? Jonathan: Können wir schlecht sagen, wir sind ja fast nie zu Hause! Also ehrlich: Wir sind keine Brooklyn-Experten, wenn Du so fragst. Wir wohnen auch nicht mehr dort, haben aber unser Album da aufgenommen. Als wir in den Anfängen unserer Band von Florida nach New York gezogen sind, konnte man in Brooklyn billig wohnen, so hat sich das zwangsläufig ergeben.
Jacob: Wir hatten dieses Ein-Raum-Apartment, wo wir auf dem Boden schliefen und ansonsten von Auftritt zu Auftritt hetzten. Das war eine sehr poetische Zeit, in der an jedem Tag alles und nichts möglich schien. Es ist schön, heute darüber zu reflektieren, aber eigentlich war es auch ganz schön gruselig, durch was wir da durchgegangen sind.
Wie verlief die Arbeit am aktuellen Album? Jacob: Wir haben im Juli 2010 die ersten Songs aufgenommen und waren im April dieses Jahres mit dem Album fertig. Wir sind so eine Band, die fünfzig bis sechzig Songs schreibt und dann die besten für ein Album auswählt. Viel von dem Material wurde während der Tour aufgenommen. Wenn wir ins Studio gehen, nehmen wir maximal zwei Songs pro Tag auf. Wir machen da auch nicht lange rum. In der Form, die der Song am Abend angenommen hat, kommt er aufs Album. Wir machen keine Demos und gehen damit wieder ins Studio, um ihn zu überarbeiten. Für ›Portamento‹ haben wir unseren »Portamento-Helm« aufgezogen und die Lieder mit einer bestimmten Stimmung eingespielt. Als das soll es auch rüberkommen.
Gibt es auf Tour auch Orte, an denen Ihr ungern auftretet? (Beide lachen!) Jonathan: Also, wir wollen hier nichts Schlechtes über irgendein Land sagen oder so, aber in Skandinavien haben wir immer das Gefühl, dass es scheinbar nichts gibt, was die Leute zu emotionalen Ausbrüchen verleitet. Auch die Musikjournalisten machen den Eindruck, als hätten sie ihren Job bei einer Verlosung aus einem Hut ziehen müssen. Dagegen gehen die Leute hier schon ganz anders ab.
Der erste Song, den Ihr vorab vom neuen Album veröffentlicht habt, heißt ›Money‹. Spielt Geld für Euch eine wichtige Rolle? Jonathan: Natürlich spielt Geld eine Rolle. Aber während des Entstehungsprozesses unserer Musik ist das kein Aspekt, auf den wir uns konzentrieren. Wir produzieren unsere Musik selbst und tun das schon unser ganzes Leben lang. Wir lieben unseren Beruf, aber auf diese Weise ist es eher ausgeschlossen, richtig Geld mit der Musik zu machen. Wenn wir scharf aufs Geld währen, würden wir einen großen Produzenten engagieren, der für einen massenkompatibleren Klang unserer Musik sorgen würde. Aber wir wissen auch, wie Geld die Kreativität versauen kann und deshalb haben wir uns erstmal für den steinigeren Weg entschieden.
Kauft Ihr auch noch Vinyl-Schallplatten? Ja, wir kaufen definitiv beide Vinyl, aber es ist schwer mit Vinyl up-to-date zu bleiben, wenn man lange auf Tour ist. Da sind digitale Formate einfach praktischer. Aber wir träumen beide von einem Apartment – jeder sein eigenes (beide lachen) – in dem man endlich eine ordentliche Plattensammlung unterbringen kann. Gerade an Erstveröffentlichungen oder echten Raritäten können wir nur schwer vorbeigehen.
[Interview: Philipp Stadler]
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