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»ICH WILL MIT WÖRTERN SPIELEN, DIE NOCH NICHT VERBRANNT SIND.«

Dietmar Wischmeyer im Gespräch

Ob er nun diverse Nachbar-Nationen auseinandernimmt, deutsche Befindlichkeiten auf die Schippe nimmt oder dem spießigen Kleingeist die Leviten liest – keiner kann so derb und gleichzeitig sprachgewandt austeilen wie der Niedersachse Dietmar Wischmeyer.

Herr Wischmeyer – Ihre Tätigkeit wurde von Jürgen von der Lippe mal treffend als »Kunstkotzen« beschrieben. Über wen haben Sie zuletzt auf ›RadioEins‹ Gift und Galle gespuckt – und was konkret hat Ihren Zorn entfacht?
Dietmar Wischmeyer: Oh, das war erst gestern. Ich habe etwas über die momentan grassierende Heiligsprechung des Wassers geschrieben. Anlass war die Lektüre eines Artikels, dessen Fazit in etwa lautete: Wer seinen Kopf direkt unter die Klospüle hält, der trinkt letztlich nichts substanziell anderes als einer, der esoterisches Quellwasser aus Usbekistan zu sich nimmt. Die Leute sind heute komplett wasserfixiert. Mondgeschöpftes Heilwasser – was für ein himmelschreiender Blödsinn! Da denke ich automatisch an Pfarrer Fliege. (lacht)
Sie vergessen die in diesem Zusammenhang oft angeführte »Information« im energetisierten Wasser ...
... oh ja, stimmt: Zwei Wasserstoffatome treffen auf ein Sauerstoffatom. Da lässt sich echt was draus basteln.
Kann man so etwas üben: sich echauffieren, bis der Arzt kommt?
Das kann man sicher üben, ja. Letztlich handelt es sich bei alledem um Sprachgebilde, und da habe ich mittlerweile ein beträchtliches Arsenal beisammen. Die Schwierigkeit liegt eher darin, beständig neue, geistreiche Formen des Sich-Aufregens zu finden. Einfach alles stumpf scheiße zu finden, ist leicht. Aber sich eloquent aufzuregen, das ist die wahre Kunst.
Sie sagen es. Was einem an Ihren Texten sofort auffällt, ist in der Tat deren ungewöhnliche Wortgewandtheit, ihr Sprachwitz.
Es geht darum, ein für diese Art von Text noch nicht erschlossenes Vokabelreservoir urbar zu machen. Ich will mit Wörtern spielen, die noch nicht verbrannt sind. Das reicht bis hinauf in den Bereich der Wortschöpfung – eine Kunst, die der Franzmann zum Beispiel ganz und gar nicht beherrscht. Dafür ist der grammatikalisch viel zu verwahrlost.
Können Sie diesbezüglich Vorbilder nennen?
Klar gibt es die, und natürlich erreiche ich deren Genialität und Klasse nicht einmal annähernd. Mir fällt neben Karl Krauss spontan Walter Serner ein, ein Schriftsteller aus den Zwanziger Jahren. Oder auch einige Österreicher, allen voran H.C. Artmann.
Mal ganz persönlich: Sind Sie privat ein umgänglicher Zeitgenosse, oder fahren Sie am Postschalter cholerisch aus der Haut wegen all der Bekloppten um Sie herum?
Nein, ich bin generell in der Öffentlichkeit extrem freundlich. Die Freundlichkeit als eine Tugend ist die Waffe des Intellektuellen, indem sie den Kern des Konfliktes in den Gegner hinein trägt. Verstehen Sie?
Ja. Das heißt, Sie sind kein Menschenhasser per se?
Dazu bin ich zu sehr Utilitarist, glaube ich. Dialekte und soziale Färbungen haben mich schon als Kind fasziniert. Ich wuchs auf dem Land auf, in einer Gegend, die in den Sechzigern eine bunte Vielzahl an Vertriebenen aufnahm. Resultat war ein wildes, grellbuntes Sprachgemisch geradezu babylonischen Ausmaßes. Ich konnte schon recht früh alles nachmachen, von Kaschubisch über Schlesisch bis hin zu Ostpreußisch.
Vieles im Comedy-Fach ist dieser Tage andererseits derart flach, dass man es kaum glauben mag und sofort den Fremdschäm-Modus aktiviert. Geht Ihnen das ähnlich?
Ehrlich gesagt: Ich nehme das gar nicht mehr wahr. Gestern las ich zufällig, dass sich ›Erkan & Stefan‹ getrennt haben. Ich wusste nicht einmal, dass es die überhaupt noch gab!
Apropos flach: Erinnern Sie sich noch an Ihren vermeintlich schlechtesten ›Frühstyxradio‹-Gag?
(überlegt) Schwer zu sagen. Wir haben damals ja den schlechten Witz geradezu kultiviert. So was wie: »Kommt ein Mann zum Bäcker und sagt: ›Ich hätte gerne drei Brötchen.‹ Darauf der Meister: ›Nehmen Sie doch fünf! Da haben Sie zwei mehr.‹« Das ist natürlich eigentlich überhaupt nicht komisch. Ein guter Erzähler allerdings vermag auch einen schlechten Witz so zu erzählen, dass ihn alle toll finden und lachen müssen. Genau darin liegt die Kunst, und solche Kollegen bewundere ich.
Wie wollen Sie denn eigentlich selbst am liebsten gesehen werden? Wenn ich mich recht erinnere, gab es da mal den Begriff des »Humorfacharbeiters« ...
... zu dem ich auch heute noch uneingeschränkt stehe, ja. Vieles von dem, was ein Satiriker oder Humorist tut, beruht auf Fleiß und Know-How – beides Qualitäten, die eben auch den Facharbeiter auszeichnen. Nach Walter Benjamin ist Literatur »zu zehn Prozent Talent und zu 90 Prozent auf dem Arsch sitzen.« Und da hat der Mann recht: Man muss sich da einfach reinknien. Hilft ja alles nichts.
Werden Sie als Resultat Ihrer derben Tiraden mitunter real bedroht?
Klar, das passiert schon ab und an. Anfang der Neunziger haben wir – als Reaktion auf all diese bräsigen ›Rock-gegen-Rechts‹-Veranstaltungen um ›BAP‹ und Heinz Rudolf Kunze – mal versucht, die Skinheads mit ihren eigenen Waffen zu schlagen: In jeder Sendung gab es fortan einen Skinhead-Witz, der im Grunde lediglich ein umgemünzter rassistischer Witz war. Wir sammelten einfach die schlimmsten Juden- und Negerwitze und drehten den Spieß um. Das resultierte tatsächlich in einer massiven körperlichen Bedrohung.
Existiert ein Einreiseverbot in andere europäische Länder? Die Österreicher etwa kommen bei Ihnen ja nicht wirklich gut weg.
Nein, noch nicht. (lacht) Das hat aber eventuell auch mit der absoluten Kommunikationsunfähigkeit der meisten nationalen Geheimdienste zu tun. Meinen Beitrag über den Tommy fanden viele Briten sogar sehr gelungen, wie man den englischsprachigen Kommentaren bei YouTube entnehmen kann.
Wo macht ein Dietmar Wischmeyer denn vor diesem Hintergrund Urlaub?
Oh, hilfe! Die Nummer habe ich gerade hinter mir: auf dem Darß, wobei man das nicht wirklich Urlaub nennen kann. Es hat die ganze Zeit geregnet – und als es aufhörte, kamen eine Milliarde Fahrradhelme aus dem Gebüsch. Jedenfalls habe ich gelernt: Mache nie in einem Ort Urlaub, auf dessen Ortsschild »Urlaubsort« steht. Es war völlig überfüllt, und es gab überall nur Fischbrötchen. Dann schon lieber in Bitterfeld oder Hoyerswerda.
Reizt es Sie nicht auch des Öfteren mal, im ernsten Fach zu wildern? Oder was Nettes zu verfassen?
Ach, was Nettes, ja... Das habe ich mir tatsächlich vorgenommen. Das muss ich demnächst mal ausprobieren. Jürgen von der Lippe hat mir eh schon bei meinem letzten Buch bescheinigt, dass da schon die Altersmilde einsetze.
Noch ist es ja offenbar nicht so weit. Dürfen wir Sie abschließend bitten, dem Brandenburger die Leviten zu lesen?
(überlegt) Ein weites Feld, da gibt es viele verschiedene Nuancen. Aber nehmen wir halt gleich den Potsdamer in Form einer kleinen Episode: Ich war diesen Mai für zwei, drei Tage in der Stadt und habe mir gleich am ersten Tag den ›Cicero‹ gekauft – aus purer Verzweiflung, damit ich mich unter all den geldsatten Stil-Päpsten und Promis im Straßencafé nicht gleich als Megaproll oute. Potsdam ist die erste ethnisch komplett gesäuberte Stadt Deutschlands. Ihr habt weder Krüppel noch Türken, Schwarze oder sonstige Ausländer zu bieten – nur Mittelstand und höher. Und wehe, einer will auf der Seepromenade über Euer Grundstück! Dann wird der Potsdamer zum Berserker. (lacht)
[Interview: Patrick Großmann]

12. bis 17. September, live im Berliner ›Postbahnhof‹

Kommentare 

 
#1 Loti Kioske 2011-09-21 17:57
Wischmeyer - eine Gnade, dass es ihn gibt...
 

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